Ziele und Maßnahmen für eine konsistente Nachhaltigkeitsstrategie bei der DATEV
Angesichts der akuten Herausforderungen der vergangenen Jahre – die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise und deren Auswirkungen auf Handelsbeziehungen, die permanent angespannte politische Lage, die daraus resultierende hohe Inflation usw. –, gab es viele Befürchtungen, dass aufgrund dieser Multikrisen das Thema Klimawandel und Klimakrise in den Hintergrund treten könnten. Aber dem ist nicht so: Die Zeichen stehen weiterhin auf Nachhaltigkeit. Wie die DATEV ihre Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt hat und welche Ziele und Maßnahmen dabei im Zentrum stehen, zeigt der folgende Beitrag.
Insbesondere der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und der damit verbundene Boykott der Energielieferungen aus Russland waren – entgegen ersten Erwartungen – ein Booster für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland und Europa. Denn neben dem akuten Sparen von Energie stand eine nachhaltig sichere Energieversorgung zu berechenbaren Preisen im Fokus. Spätestens jetzt erkannten alle Stakeholder von Unternehmen und Organisationen die Bedeutung des von der Europäischen Kommission angestoßenen Green Deal.
Was treibt ein Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit an?
Die europäischen Institutionen sind die stärksten Treiber des Wandels. Der European Green Deal ist ein umfassendes Aktionsprogramm der Europäischen Union (EU), das im Dezember 2019 von der Europäischen Kommission vorgestellt wurde. Ziel des European Green Deal ist es, Europa bis 2050 zu einem klimaneutralen Kontinent zu machen, indem der Ausstoß von Treibhausgasen auf null reduziert wird.
Das Aktionsprogramm umfasst eine breite Palette von Maßnahmen im Bereich Emissionsreduzierung, erneuerbare Energien, Energieeffizienz, nachhaltige Mobilität, Kreislaufwirtschaft, Landwirtschaft und Biodiversität.
Die Auswirkungen kommen sukzessive auch bei den Unternehmen an. Spürbar sind bereits die neuen Berichtspflichten nach CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive).
Wesentlicher Inhalt des Vorschlags ist die Veröffentlichung („Offenlegung“) von Informationen mit Nachhaltigkeitsbezug. Zum einen betrifft dies Angaben zu den sechs Umweltzielen der EU: (1) Klimaschutz, (2) Anpassung an den Klimawandel, (3) nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen, (4) Wandel zu einer Kreislaufwirtschaft, (5) Vermeidung von Verschmutzung und (6) Schutz von Ökosystemen und Biodiversität sowie Angaben zu gesellschaftlichen Aspekten (Social) sowie zu Aspekten der Unternehmensführung (Governance). Im Vergleich zur bisherigen Richtlinie wird der Kreis der Unternehmen, die zukünftig berichten müssten, erheblich erweitert.
Der Berichtspflicht unterliegen dann Unternehmen mit
- mehr als 250 Beschäftigten,
- einer Bilanzsumme von mehr als 20 Millionen Euro oder
- einem Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro.
Damit sind in der gesamten Europäischen Union nun statt 11.000 insgesamt rund 50.000 Unternehmen betroffen, davon etwa 15.000 allein in Deutschland, von denen etwa 8.000 Mandanten eines DATEV-Mitglieds sind.
Ziel der Richtlinie ist es, mehr Daten zu erheben und zu veröffentlichen, um mehr Transparenz und Vergleichbarkeit zu schaffen und allen Unternehmen aufzuzeigen, wo sie im Vergleich zu anderen Unternehmen stehen, sowie Handlungsfelder im eigenen Unternehmen aufzuzeigen und wo Verbesserungen erzielt werden können.
Weitere regulatorische Maßnahmen sind abzusehen. Auf EU-Ebene wird zum Beispiel derzeit die Ökodesignrichtlinie vorbereitet, die schon bei der Entwicklung eines Produkts etwa Energieeffizienz als Designelement einfordert. In Deutschland wurde vom Kabinett ein Energieeffizienzgesetz verabschiedet.
Neben den gesetzgebenden Organen gibt es weitere Stakeholder, die Maßnahmen rund um alle ESG-Themen einfordern. Für den Mittelstand sind es vor allem auch seine Kreditinstitute. Immer mehr Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken, die den deutschen Mittelstand betreuen, der noch nicht erfasst ist von der CSRD-Richtlinie, sind dort bei ihren Kunden aktiv.
Sie lassen ihre Firmenkundenberater ausbilden in der ESG-Thematik, damit diese ihre Kunden ansprechen können. Sie stellen Informationsmaterialien und Portale bereit, damit sich auch dieser Teil des Mittelstands vorbereiten kann. Denn auf Sicht wird die Auskunfts- und Berichtsfähigkeit Voraussetzung, um überhaupt eine Finanzierung zu bekommen oder zumindest die Kosten der Finanzierung beeinflussen zu können.
Darüber hinaus verlangen auch Versicherer heute die Dokumentation von physischen und transitorischen Umweltrisiken und natürlich einen Maßnahmenkatalog, der nachvollziehen lässt, wie diese Risiken minimiert werden.
Dazu kommt die gesteigerte Erwartungshaltung von Beschäftigten, Kunden und Investierenden an ein klares Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und an entsprechenden Strategien, Zielen und Umsetzungsmaßnahmen, die nachvollziehbar dokumentiert sind.
Neben den dargestellten Anforderungen von Dritten wie Regulatorik oder Banken gibt es noch zwei weitere Handlungsmotive, um sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen.
Ökonomische Motive: So kann ein erster eigener Einstieg in Nachhaltigkeit in einem Unternehmen das Thema Energie- und andere Ressourcenverbräuche sein. Diese zu senken heißt nicht nur, den eigenen CO2-Fußabdruck zu senken, sondern auch die Betriebskosten und damit die Rentabilität zu steigern und die ökonomische Nachhaltigkeit der Unternehmung zu sichern.
Und es gibt natürlich auch eine intrinsische Motivation von Unternehmen, die etwas beitragen wollen zur Erreichung der Klimaziele, weil sie das als gesellschaftlichen Auftrag verstehen. Abgeleitet aus Artikel 14 Absatz 2 Grundgesetz „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“ – oder aber auch aus dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns.
Welche Strategien und Maßnahmen verfolgt die DATEV?
DATEV als Unternehmen und Netzwerk seiner mehr als 40.000 genossenschaftlichen Mitglieder nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung wahr und will einen aktiven Beitrag zur Erreichung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens und der abgeleiteten Ziele der Bundesregierung leisten. Dazu verpflichtet sich DATEV als Unternehmen, selbst bis 2030 in Scope 1 bis Scope 3 klimaneutral zu sein (Vermeiden – Vermindern – Kompensieren).
DATEV unterstützt Mitglieder und deren Mandanten im nachhaltigeren Handeln vor allem durch die digitale Transformation kaufmännischer Prozesse in ihren Unternehmen und in der Zusammenarbeit von Mitgliedern, Mandanten und deren jeweiligen Ökosystemen. Dabei führt die Digitalisierung zu Dematerialisierung und Dekarbonisierung der Prozesse, denn der Fußabdruck digitaler Prozesse ist grundsätzlich immer kleiner als der von materiellen Prozessen.
Handlungsleitend für die DATEV-Beschäftigten ist der Code of Business Conduct, in dem es heißt: „Nachhaltigkeit ist für DATEV und ihre Mitarbeitenden ein Leitgedanke für das gesamte unternehmerische Handeln. DATEV versteht Nachhaltigkeit als den Ausgleich zwischen den drei Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales.“
Die wesentlichen Handlungsfelder für das Unternehmen sind die Ressourcenverbräuche im Bereich Rechenzentrum (Energie und Hardware) sowie das Digital Print and Solution Center (Energie und Papier).
Welche konkreten Schritte werden unternommen?
Im Bereich Energie bezieht DATEV seit 2014 Strom aus erneuerbaren Energien. Die Energieeffizienz von Hardware ist Kriterium beim Einkauf. Beim Betrieb der Rechenzentren wird die Energieeffizienz am Standard PUE (power usage effectiveness) gemessen, überwacht und mit der Marktentwicklung verglichen und liegt seit Jahren im Mittel.
Weitere Ideen sind gerade in der Prüfung, zum Beispiel die Überbauung von unternehmenseigenen Parkflächen mit Solarmodulen. Früher als nicht wirtschaftlich abgelehnt, können solche Maßnahmen bei heutigen Energiepreisen einen Beitrag zur kostengünstigen Energieversorgung leisten.
Um die Energieversorgung zu stabilen Preisen zu sichern, wurde in einer Vorstudie die Finanzierung eines eigenen Energieparks für erneuerbare Energien untersucht und befürwortet. Denn im Energiebeschaffungsprozess soll zukünftig nicht mehr ausschließlich auf dem klassischen „Spotmarkt“ eingekauft werden. Ziel ist es mittelfristig, das DATEV-Energieportfolio auf ein breiteres und risikogestreutes Fundament zu stellen. Dazu kann beispielsweise das Investment in einen Wind- und Solarpark ebenso gehören wie die Nutzung von unternehmenseigenen Freiflächen zur Stromerzeugung.
Auf dem Weg zur Klimaneutralität 2030 wurden weitere Schritte bereits erfolgreich umgesetzt:
- Einführung der FSC1-Produktkettenzertifizierung für DATEV eG (Zertifikat für Holz und Papier)
- Projekt „Reduzierung von Verpackungsfolie“ im Versandzentrum. Ziel ist die Reduzierung der Verpackungsfolie um 90 Prozent bis Ende 2023. Bei Lohnabrechnungen wird bereits jetzt zugunsten von Papier-Banderolen komplett auf Folie verzichtet.
- Einsparung von Abfällen, u.a. bei Lebensmittelverpackungen (insbesondere Kunststoff) durch den Einsatz von Mehrweg-Geschirr. So konnte die DATEV-Betriebs-Gastronomie Einmalverpackungen und –besteck komplett abschaffen.
- Herstellung des eigenen Füllmaterials aus Altkartons
- Pilotinstallation von High-Density-Serverschränken zur Kühlung der Rechenzentren
- Umstellung der Ausgangslogistik auf klimakompensierte Angebote ab 2023
Noch sieben Jahre bis zum Ziel
Mit Blick auf die Zukunft bleiben sechs Handlungsfelder und Ziele im Bereich Nachhaltigkeit. Ganz vorne steht dabei die ökonomische Nachhaltigkeit der Genossenschaft. Sie wird gewährleistet durch eine konsequente Umsetzung der Satzung mit der Förderung ihrer Mitglieder und ihrem ständigen Wert für Mitglieder und Kunden. Zweiter Stakeholder in der Genossenschaft sind die Beschäftigten, deren Anforderungen und Bedürfnisse sich in der zweiten Säule, der sozialen Nachhaltigkeit, widerspiegeln. Die konsequente Arbeit an Diversity, Equity und Inclusion wird weiterverfolgt.
Zur Unterstützung des Ziels Klimaneutralität, um die Umsetzungserfolge transparenter und messbarer zu machen, arbeitet DATEV mit einer CO2-Management-Software, mit deren Hilfe der Fußabdruck der vergangenen beiden Jahre neu berechnet wurde. Daraus wurden im Rahmen einer internen Evaluierung die relevanten Handlungsfelder identifiziert und mögliche Zukunftslösungen abgeleitet. In den vergangenen Monaten haben wir die Ziele intern mit allen wichtigen Stakeholdern, die bei der CO2-Reduzierung in den kommenden Jahren maßgeblich unterstützen können, geschärft. Wichtig war dabei die Einführung eines KPI (Key Performance Indicator, Leistungskennzahl) „CO2-Ausstoß pro Euro Umsatz“, der deutlich ökonomische Wachstumsziele mit den CO2-Reduktionszielen verbindet.
Das Ziel „Transparenz“ soll intern und extern für vollständig klare und wahre Information sorgen. Die DATEV-Nachhaltigkeitsberichterstattung soll der Regulatorik einen Schritt voraus sein, Vorbild für die Branche, für Mitglieder und deren Mandanten.
Arbeit an einer „grüneren“ Software
Das Ziel „Nachhaltige Produkte“ war lange eine „low hanging fruit“, weil man davon ausging, dass digitale Produkte grundsätzlich nachhaltiger sind. Am Beispiel von DATEV Unternehmen online oder Arbeitnehmer online konnte tatsächlich gut und leicht gezeigt werden, wie Digitalisierung zu Dematerialisierung und am Ende Dekarbonisierung führt.
Neu hinzugekommen ist jedoch eine aktive Forschung im Bereich Green Coding, also der Programmierung von Software mit dem Ziel, dass sie weniger Hardware und Energie beansprucht. Gemeinsam mit anderen Unternehmen, Forschungsinstituten und Verbänden arbeiten DATEV-Entwickler deshalb an einer „grüneren“ Software.
Das Ziel „Nachhaltigkeit/Responsible Business” bedeutet, dass das Thema als neues Geschäftsfeld für die Mitglieder und sich selbst zu erschließen ist. Dazu gehört die Befähigung der DATEV-Mitglieder, Nachhaltigkeitsberatungen bei ihren Mandanten durchzuführen. Dazu will der Bereich DATEV-Consulting die Mitglieder und deren Beschäftigte schulen und beraten.
Um die Klimaneutralität in den kommenden sieben Jahren zu erreichen, setzt DATEV auf interne Unterstützung. Die sogenannte „Green Community of Practice“, kurz Green-CoP, mit mehr als 150 DATEV-Beschäftigten sowie eine Yammer Community mit mehr als 500 Teammitgliedern, dient den Nachhaltigkeitsexperten als Impulsgeber, Soundingboard und Verstärker aller Themen rund um die Nachhaltigkeit. Wir sind davon überzeugt: Nur gemeinsam mit den Beschäftigten sind Change und ökologische Transformation machbar.
© Claus Fesel, DATEV eG
Claus Fesel verantwortet als leitender Angestellter das Thema Nachhaltigkeit, Umwelt und DATEV Stiftung Zukunft.
Freiberuflich arbeitet er als Senior Consultant / Sustainable Transformation (ESG / CSR) | Professional Coach bei der UNO INO eG und ist Vorstand eines Netzwerk von Nachhaltigkeitsmanagnenden peerschool.de